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Ausgabe: 02/2012 | E-Paper »  PDF »  Druckansicht »  

Design forscht!

Design – zum Forschen prädestiniert


Unübersichtlich sind die Entwicklungen, die das Design als forschende Disziplin durchläuft. Was beispielsweise noch fehlt, ist ein gemeinsamer Forschungsbegriff – und da fangen die Probleme an. Birgit S. Bauer sprach mit Hans Ulrich Reck.

Was ist eigentlich Forschung – und was könnte Forschung im Design bedeuten?

Forschung bezeichnet aus meiner Sicht vorrangig das, was sich gerade nicht aus den jeweiligen Routinen einer Disziplin ableiten und als „gewöhnlichen Forschungsprozess" einrichten lässt – weder durch handwerkliche noch durch fachtheoretische Kenntnisse und auch nicht durch implizites Wissen. Sie wird dann nötig, wenn es um die Bestimmung und Entwicklung von komplexen Problemstellungen geht. Für das Design trifft das im Besonderen zu, da das Wissen der Designer im Vergleich zu den anspruchsvollen Aufgabenstellungen, die sie bearbeiten, unvermeidlicherweise unterkomplex ist. Designer verknüpfen Wissensgebiete, die nicht zu ihrem Fachgebiet gehören. Und diesen Typus von Rationalität kann designwissenschaftliche Forschung am besten beschreiben. Design ist für das Forschen also geradezu prädestiniert.

Wer definiert, was Forschung im Design ist?

Das müssten kollektive Konformitäts- und Prüfungsinstanzen machen – die es allerdings in der Designforschung so noch nicht gibt. Die Definition von Forschung im Designbereich reicht momentan vom recherchierenden Forschen, in der Art wie zum Beispiel auch Kinder ihre Mit- und Umwelt entdecken, bis hin zu wirklich formulierbaren Forschungsprozessen. Diese beinhalten das Erarbeiten theoretischer Grundlagen und das Entwickeln von erklärbaren Ansprüchen, etwa auf die Verhältnisse einzuwirken, Antworten auf bisher ungelöste Probleme zu finden oder die Defizite bisheriger Problemlösungen zu beschreiben. Spätestens an diesem Punkt muss man dann auch mit anderen Forschungsgebieten kooperieren, deren Erkenntnisse einbeziehen. Man muss Ziele vorgeben und überprüfen können, ob diese erreicht wurden. Das ist es, was eine Wissenschaftsgemeinschaft ausmacht.

Sind angewandte Forschung und Grundlagenforschung im Design zu trennen?

Nicht nach meinem Verständnis von Designreflexion. Forschung sollte immer – ob aus einer Praxis heraus oder in den Grundlagen – eigene Motive und Wirkungen mitreflektieren. Angewandte Forschung im Design geht aber meistens nicht über die Entwicklung von Produkten hinaus, etwa bei der Erforschung von „Embedded Systems", die sich mit der Integration von Computern in Autos befasst. Das kann für die beteiligten Fachgebiete zwar spannend und herausforderungsreich sein, aber mit einer Engführung der Aufgabenstellung und der Ausblendung vernetzter, auf die gesamte Lebenswelt bezogener Fragen werden die Problemstellungen an sich nicht mehr hinterfragt. Die gesellschaftlichen und kulturellen Implikationen fehlen mir – es geht allein um die Implementierung einer Technologie. Was heißt: Man hat die wirklichen Probleme schon ausgeblendet, in der Aufgabenstellung schlicht wegdefiniert. Was operabel und konkret behauptet wird, ist in Wirklichkeit abstrakt und vorbelastet.

Die so genannte angewandte Forschung ist Ihnen also nicht reflektiert genug?

Auch wenn ich den größten Respekt vor den jeweiligen Einzelerkenntnissen habe – es erfüllt meiner Ansicht nach nicht den Anspruch an Forschung, wenn man bei der Fokussierung auf einen Handlungsrahmen alle Metaprobleme wegdefiniert. Welche Konsequenzen haben beispielsweise die computergestützten Systeme im Auto für den Beruf des Automechanikers? Welche Kompetenzen werden dem Nutzer aus der Hand genommen und welche Folgen kann das haben? Die Auseinandersetzung mit der gesellschaftspolitischen und lebensweltlichen, umgreifenden Dimension ist auch im Design meiner Meinung nach extrem wichtig.

Design als „Problemlösungsdisziplin" beschäftigt sich aber gerne mit der Reduktion von komplexen Fragen.

Und das ist falsch! Designforschung hätte allen Grund, Komplexitätsforschung zu sein, weil Design mit vielen Bereichen in Berührung kommt, die kein einzelner Mensch beherrschen kann. Gerade diese Verknüpfung der unterschiedlichen Disziplinen bringt einzigartige Fragestellungen hervor, die in der Gesellschaft sonst nicht thematisiert würden. Die große Chance derer, die heute Design studieren, ist, dass sie sich mit vielen Bereichen der Komplexität der Mit- und Umwelt auseinandersetzen. Das bedeutet auch, dass sie sich mit der Ungleichzeitigkeit der Gegenwart auseinandersetzen, etwa mit all dem, was als Geschichte in der Gegenwart weiterlebt, oder mit der Frage, wie die Kultur zu Identitäten kommt, wie die Identitäten zerfallen, wie es zu symbolischen Prozessen kommt, zu Streit in der Bewertung kultureller Hierarchien. Das aufgeschlossene Teilhaben an der Gegenwart als interessierte Zeitgenossen: Das ist eine entscheidende Kompetenz des Designs. Es gibt daher die Notwendigkeit einer Reflexivität und Theoriebildung im Design – lange bevor man von Forschung spricht.

Vieles an der Vorgehensweise von Designern ist experimentell und undefiniert. Ist das ein Problem?

Das sind Entwürfe ins Offene, sie beziehen sich auf eine Kunst des Findens von etwas. Diese intuitiven Phasen des Entwerfens, die methodisch kaum definiert sind, sind meines Erachtens unerlässlich. Man muss sie auch nicht definieren, sondern als Phase ansehen, in der man suchend auch auf Vagem insistieren muss. Wichtig ist, dass man zu Freiräumen kommt, in denen so etwas möglich ist.

Und wie kann man zu diesen Freiräumen gelangen?

Die Freiräume liegen meiner Ansicht nach in den kommunikativen Kooperationsstrukturen, die charakteristisch für das Design sind: Designer experimentieren im Kollektiv und kommunizieren das auch. Die kollektive Kreativität ermöglicht es, Dinge zu entwickeln, die über das Formulierbare hinausgehen. „Design Thinking" von Tim Brown beispielsweise greift diese kollektiven Prozesse auf – ohne das Buch uneingeschränkt für alles Mögliche empfehlen zu wollen.

Wenn man von Designforschung spricht, kommt man schnell zum Thema Doktorarbeiten. Viele Designer müssen nachstudieren, um wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen, und finden innerhalb ihrer eigenen Disziplin selten Betreuung. Wie kommt das?

Das hat mit der Entwicklung der deutschen Designausbildung zu tun und auch damit, dass hier das Promotionsrecht nur für Universitäten gilt. Eine Perspektive könnte die Orientierung an den Technikwissenschaften sein. Auch dort sind die Promotionen an eine Praxis gebunden – eine, die eine theoretische Praxis einschließt. Das akademische Profil eines forschenden Designs muss sich in den Ausbildungsgängen erst noch entwickeln, und zwar Schritt für Schritt. Es wird noch dauern, bis sich etwas Eigenständiges herausgebildet hat.

Und welches Selbstverständnis könnte eine Designforschung etablieren?

Design ist als Begriff omnipräsent – das zeigt, dass Design offenbar eine Form von problematisierender Verknüpfungstätigkeit ist. Deshalb können sich auch Wissenschaftler ganz unterschiedlicher Disziplinen mit Fragestellungen des Designs auseinandersetzen, die sich dann eben nicht nur aus dem engen Bereich des Designs heraus entwickeln und die festgesetzten Thesen wiederholen. Designforschung sollte sich als Metadisziplin verstehen, die in der Lage ist, unterschiedliche Wissens- und Lebensformen auf je singuläre Weise zu verbinden.

Zur Person

Der Philosoph, Medientheoretiker, Design- und Kunsthistoriker Hans Ulrich Reck, seit 1995 Professor an der Kunsthochschule für Medien Köln, beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Design. In zahlreichen Schriften reflektierte er auch die akademische Entwicklung der Disziplin. Seine Lehr- und Forschungstätigkeit an unterschiedlichen Hochschulen verschaffte ihm einen tiefen Einblick in die künstlerische und gestalterische Theorieausbildung. Hierzu publizierte er Bücher wie „Index Kreativität" (Köln 2007) und „Spiel Form Künste. Zu einer Kunstgeschichte des Improvisierens" (Hamburg 2010).

Foto: Almut Elhardt

Foto: Ursula Büchel

Foto: Almut Elhardt
Hans Ulrich Reck: „Designforschung hätte allen Grund, Komplexitätsforschung zu sein.
Hans Ulrich Reck: „Designforschung hätte allen Grund, Komplexitätsforschung zu sein."Foto: Almut Elhardt

Foto: Ursula Büchel
Foto: Ursula Büchel

Forschen ohne Begrenzungsrituale: Mit umfangreichem Bild- und Kulturwissen beschreibt der Philosoph und Medientheoretiker die Systematik von Begriffen über die Grenzen von Disziplinen hinaus: zum Beispiel in „Index Kreativität
Forschen ohne Begrenzungsrituale: Mit umfangreichem Bild- und Kulturwissen beschreibt der Philosoph und Medientheoretiker die Systematik von Begriffen über die Grenzen von Disziplinen hinaus: zum Beispiel in „Index Kreativität" (Köln, 2007)Foto: Almut Elhardt



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