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Ausgabe: 01/2011 | E-Paper »  PDF »  Druckansicht »  

Um ganz ehrlich zu sein, bei mir hat sich die berufliche Selbstständigkeit einfach so ergeben. Ich hatte nie vor, Unternehmerin zu werden, und als Beamtenkind auch garantiert nicht die frühkindliche, kapitalistische Prägung, die ich an anderen bewundere. Dass ich trotzdem selbstständig wurde, hat zwei Ursachen. Zum einen liegt es daran, dass mir bereits im Grundstudium das Geld ausging, zum anderen an der Tatsache, dass einige Kommilitonen während des Studiums kleine Büros gründeten. An deren Beispiel begriff ich, dass man bereits im Studium als Designer Geld verdienen kann. Das wollte ich auch – und so ging ich das Thema Selbstständigkeit im Jahr 2003 ganz unbedarft an. Das Vordiplom unter dem Arm, kontaktierten meine Freundin Corinna und ich unseren ersten potenziellen Kunden. Wir baten einfach um die Möglichkeit, unsere Ideen vorzustellen. Und so landeten wir bei der damaligen Mitropa mit unserem Konzept für einen Am-Platz-Service im Zug – einschließlich eines neuen Rollwagen-Entwurfs – zunächst bei der Pressestelle. In den folgenden Wochen zogen wir dann munter durch die Etagen und Zuständigkeitsbereiche des Unternehmens, so lange, bis wir jemanden gefunden hatten, der unsere Arbeit genauso gut fand wie wir selbst.

Gut vorbereitet, aber ...

Unser Versuch bei Mitropa zeigte uns jedenfalls früh, dass die Präsentation eines für den möglichen Auftraggeber relevanten Projekts viel mehr Erfolg verspricht als ein PDF mit allgemeinen Arbeitsproben – eine Einsicht, die, wie ich beobachten konnte, unter Berufseinsteigern nicht selbstverständlich ist.

Corinna und ich konnten den Auftrag schließlich an Land ziehen und vor lauter Gestaltungseifer blieb uns keine Zeit für rechtliche Fragen oder die Vertragsgestaltung. Das Ergebnis ist, dass ich heute bei Zugfahrten immer die Augen schließe, wenn der so genannte Snack-Express vorüberrollt – um nicht an den ersten großen Vermarktungsfehler meiner freiberuflichen Laufbahn erinnert zu werden. Der Kunde hatte auf unsere Professionalität vertraut und uns die Wahl zwischen einem Werk- und einem Beratervertrag gelassen. Ein Werkvertrag, so dachten wir, bezieht sich auf die Arbeit in den Werken des Kunden. Blitzgescheit entschieden wir uns für den Beratervertrag und waren mit einem Schlag sämtliche Rechte an den Entwürfen los. Schlauer wäre es gewesen, wir hätten uns vorher mit den Themen Rechte und Verträge auseinander gesetzt oder zumindest mal einen Profi befragt. Aber das wussten wir damals einfach nicht.

Auftrag ohne Bestätigung

Lernen konnte ich bei diesem und den folgenden Aufträgen noch vieles mehr. Zum Beispiel, Besprechungsprotokolle zu schreiben. Das fand ich am Anfang albern und es klingt banal, kann aber enorm helfen. Im Grunde sollten bei Projekttreffen alle Absprachen stichpunktartig zusammengefasst und den Beteiligten vorgelegt werden. Das beugt Missverständnissen vor und – zumindest theoretisch – weiß dann jeder über den Stand der Dinge Bescheid.

Es kann aber vorkommen, dass das Verhältnis zum Auftraggeber so gut ist, dass man auf Schriftliches verzichtet. Der gegenseitige Respekt ist groß, das Vertrauen ganz selbstverständlich und Absprachen werden telefonisch getroffen. Freunde von mir, die für eine Bank arbeiteten, verstanden sich mit dem Projektleiter so gut, dass sie Protokolle oder schriftliche Auftragsbestätigungen für unnötig hielten. Als ihr Ansprechpartner überraschend das Unternehmen verließ, verloren alle laufenden Projekte ihre Relevanz und die Arbeit wurde zum Teil nicht bezahlt, denn es fehlte ja die Auftragsbestätigung. Protokolle und schriftliche Absprachen lohnen sich also trotz stimmiger Chemie – die Zusammenarbeit mit Freunden ist davon nicht ausgenommen.

Testgründung

Sicher ist es großartig, wenn man die Selbstständigkeit mit Freunden angehen kann. Die Arbeit macht mehr Spaß, Probleme lassen sich teilen, man bekommt mehr Aufmerksamkeit und die eigenen Kontakte multiplizieren sich. Doch halte ich klare Absprachen und gelegentliche Aussprachen heute für wichtiger als die ursprüngliche Freundschaft. Von den kleinen Büros befreundeter Designer, die sich um mich herum gründeten, existiert heute nur noch ein Einziges. Alle anderen und auch meine eigenen Kooperationen lösten sich irgendwann auf. Trotz schöner Projekte, trotz attraktiver Aufträge und Kontakte, oft wegen Geldfragen oder weil die Freundschaft weniger strapazierfähig war, als gedacht. Eine Freundin ging geschickter vor, indem sie mit ihrer Partnerin für ein Jahr eine lose Zusammenarbeit vereinbarte. Sozusagen eine Testphase für die Gründung. Während dieses Jahres arbeiteten beide mal getrennt, mal zusammen und konnten ihre eigenen Stärken und Schwächen kennen lernen. Danach hielten sie ihre Erfahrungen in schriftlichen Abmachungen fest und gründeten gemeinsam erfolgreich ein Büro.

Der Wert der eigenen Leistung

An dieser Stelle sollte ich auch den Nutzen der detaillierten Projektplanung erwähnen. Denn obwohl mir die Aufgaben gefielen, hat mich das selbstorganisierte Arbeiten oft gequält, weil ich immer auf den letzten Drücker fertig wurde oder weil mir der Auftrag zu groß vorkam. Mit Zeitplänen lässt sich beides in den Griff kriegen. Große Aufgaben werden in kleine Häppchen zerlegt und lassen sich entspannter erledigen. Außerdem helfen Zeitpläne dabei, den Wert der eigenen Arbeit zu kalkulieren und die Leistung vor dem Kunden zu begründen. Denn nicht jeder Kunde erkennt den Arbeitsaufwand, der hinter einer Designdienstleistung steckt, und weiß, sie entsprechend zu honorieren. Anstatt beleidigt zu sein, sollte man in solchen Momenten anfangen, Aufklärungsarbeit zu leisten.

Um die eigene Leistung nachvollziehbar zu machen, hilft es meiner Erfahrung nach, die einzelnen Arbeitsschritte aufzulisten, sie in Leistungspaketen zusammenzufassen und mit geschätzten Stundenzahlen zu versehen. Auf dieser Grundlage lässt sich mit Kunden gut über Preise sprechen.

Vergleicht man während des Auftrags die investierte Zeit mit der geschätzten Stundenzahl, dann bekommt man auf die Dauer auch ein echtes Preisgefühl für die eigene Leistung und man merkt, welche Arbeitsschritte effizienter zu gestalten sind.

Es darf bezahlt werden

Nach erfolgreichem Projektabschluss sollte man außerdem mit seiner Rechnung nicht warten. Dass der Kunde von sich aus nach der Rechnung fragt, kommt selten vor. Aus Schüchternheit habe ich früher meine Rechnungen sehr spät gestellt und dabei festgestellt: Liegt die Leistung lange zurück, hat der Kunde sie schon fast vergessen. Besonders problematisch wird es, wenn der Projektleiter gar nicht mehr im Hause arbeitet und die Dame in der Buchhaltung erst recherchieren muss, um was es ging.

Und was passiert, wenn das Geld ausbleibt? Zum Glück musste ich noch nie eine Mahnung schreiben. Das liegt wohl daran, dass ich meist freundlich nachfragte, ob meine Rechnung angekommen sei. Blieb das Geld aus, nahm ich es sportlich und rief wieder an. In meinem Umfeld konnte ich verfolgen, wie aufreibend der Rechtsweg sein kann. Ob sich der Aufwand lohnt, hängt wohl von den eigenen Nerven und der Streitsumme ab. Abschlagszahlungen können im Übrigen solchen Situationen vorbeugen oder sie wenigstens abmildern.

Expertenwissen

Gleich nach dem Diplom im Jahr 2005 bat mich meine Hochschule, für die Studierenden Merkblätter zum selbstständigen Arbeiten zu entwickeln. Bis dahin hatte ich bereits einige freiberufliche Projekte hinter mir und mehrere Gründerseminare an meiner Hochschule besucht. Nicht jeder der Experten konnte sein Wissen gut vermitteln – um die Antworten auf meine Fragen zu verstehen, musste ich mich also um ein eigenes Grundwissen bemühen. Weil es mir mit Steuerberatern ähnlich erging, lernte ich mit der Zeit, dass man langfristig zum eigenen Spezialisten in Sachen Selbstständigkeit werden muss.

Dass ich noch immer selbstständig bin, liegt wahrscheinlich an der Tatsache, dass ich Fehler mittlerweile als Erfahrungen begreife. Das klingt nicht nur besser, sondern diese Erfahrungen sind auch wichtig. Sie sind manchmal ärgerlich und anstrengend, dafür aber lehrreich. Denn aus den Schwierigkeiten des einen Projektes lernt man, was beim nächsten anders laufen muss.

Zur Autorin:

Sophia Muckle, Jahrgang 1977, ist Autorin und selbstständige Gestalterin. Sie studierte Produktdesign an der Hochschule für Gestaltung Offenbach und gewann 2005 mit ihrer Diplomarbeit den Braun-Feldweg-Förderpreis für designkritische Texte. Im letzten Jahr erschien im Hermann Schmidt Verlag ihr Buch „Parcours – Existenzgründung für Designer".


Sophia Muckle
2004 schloss Sophia Muckle ihr Produktdesignstudium an der Hochschule für Gestaltung Offenbach ab und ist mittlerweile sattelfeste Designerin.
2004 schloss Sophia Muckle ihr Produktdesignstudium an der Hochschule für Gestaltung Offenbach ab und ist mittlerweile sattelfeste Designerin.





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