| Ausgabe: 03/2010 | E-Paper PDF Druckansicht
Hochschule
Spurensuche
Klein oder groß, grau oder grün, offen oder geschlossen – mit der Gefäßserie „Juuri“ fiel Sarah Böttger auf der letzten Ambiente auf. Entstanden ist der Entwurf im Rahmen ihrer Abschlussarbeit an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach.
Seit Herbst letzten Jahres ist Sarah Böttger Industriedesignerin mit Diplom. Außerdem ist sie auch Tischlerin mit Gesellenbrief. Das ist nicht unwichtig, vor allem nicht für die Entstehung der Glasserie „Juuri“, auch wenn Glas und Holz auf den ersten Blick nicht gleich etwas miteinander zu tun haben. Aber zum Ende ihres Studiums wollte sich Böttger noch einmal mit dem Anfang ihres Studiums beschäftigen. Ihr Diplomthema war geboren: eine Auseinandersetzung mit den scheinbar gegensätzlichen Polen Handwerk und Design, Handwerk und Industrie, und ein Blick zurück auf die eigene Entwicklung. „Ich habe während meines Studiums in einem sehr breiten Spektrum gearbeitet, dabei sind auch viele rein industrielle Entwürfe entstanden. Hier hat mich jetzt interessiert, wie ich geprägt wurde. Denn ich denke, dass meine Arbeitsweise immer schon stark durch meinen Hintergrund als Handwerkerin beeinflusst war.“ Daher suchte die Designerin zum Studienabschluss an der Hochschule für Gestaltung Offenbach nach „Handwerkliche(n) Spuren im Design“ – so der Titel des theoretischen Teils ihrer Diplomarbeit – und nach Materialien, die stellvertretend für die zwei unterschiedlichen Produktionsweisen stehen können. Sie entschied sich für Glas, mit dessen Verarbeitung sie erste Erfahrungen während eines Studienaufenthalts in Helsinki machte, und für Kunststoff. „Das Gegensätzliche der beiden Materialien war für mich entscheidend. Glas ist spröde, zerbrechlich und eines der ältesten Materialien der Menschheit. Kunststoff kann sowohl hart und robust als auch weich und flexibel sein und bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten der Verarbeitung.“ Und nicht zuletzt kann Kunststoff ihrer Ansicht nach für die industrielle und anonymisierte Produktion stehen, während Glas seinen Reiz vor allem in der handwerklichen Verarbeitung entfaltet.
Drei Formen, acht Schnitte, sechs Gefäße und eine Vielzahl an Kombinationsmöglichkeiten. So fasst Böttger letztendlich das Ergebnis ihrer Arbeit zusammen. Das klingt wie eine mathematische Formel und die sechs Einzelteile der Gefäßserie haben tatsächlich viel mit Abstraktion zu tun. Sie leiten sich aus nur einer Grundform ab: einer Flasche mit relativ breitem Durchmesser und parallel verlaufenden Außenlinien – einer Form, die an eine Milchflasche erinnert. Gezielt gesetzte Schnitte lassen drei Unterteile und drei beidseitig offene Oberteile entstehen. Dicht verbunden und verschlossen werden sie mit zwei unterschiedlich großen Deckeln und einem Verbindungsring aus flexiblem Kunststoff. „Die Gefäße sollen einfach, funktional und dabei relativ offen in ihrer Verwendung sein.“
Einfach, funktional, modular: Ist „Juuri“ im Grunde nicht ein klassisches Industrieprodukt? Stand am Anfang nicht der Gegensatz von Industrie und Handwerk? Mit einem Lachen gibt Böttger zu: „Im Nachhinein kann auch ich mir die Gläser besser industriell hergestellt vorstellen. Trotzdem sind sie auf Grund meines Wissens über den handwerklichen Herstellungsprozess entstanden. Den habe ich versucht, so weit wie möglich zu vereinfachen.“ Ein Produkt waschechter Designentscheidungen also. „Ich hatte viele unterschiedliche Ansatzmöglichkeiten mit der Thematik umzugehen. Der Entwurf ist schließlich Ergebnis eines Prozesses und vieler einzelner Entscheidungen. Auch aus der für das Material Kunststoff hat sich erst im Laufe der Arbeit nach und nach eine schlüssige Funktion herauskristallisiert.“
So hat sich die Designerin erwartungsgemäß im Laufe des Studiums gegenüber der Handwerkerin durchgesetzt. Verbindungen bleiben für Böttger dennoch bestehen: „Ich probiere Formen immer in der Werkstatt aus. Entscheidungen bloß am Computer anhand von 3-D-Modellen zu treffen, fällt mir unheimlich schwer.“
www.sarahboettger.com
Pauline Klünder | |