| Ausgabe: 03/2003 | Druckansicht
Schwerpunkt
Irren als Handlungsmaxime
Um sich zu orientieren, ist es manchmal besser, das eigentliche Ziel zunächst aus den Augen zu verlieren und dem Weg zu vertrauen. Das ist das Prinzip des Labyrinths. Man wird sich mehr und mehr darauf einlassen müssen, denn Labyrinthe lauern ohnehin schon überall. Ein Plädoyer für den Umweg.
Labyrinthe - ein Plädoyer für den Umweg
Der Orientierungslosigkeit Einhalt zu gebieten, sich schnell und effizient vorwärts zu bewegen, ist heute eines der primären Ziele in Alltag und Beruf. Geradlinigkeit, Entscheidungsfreudigkeit und Transparenz stehen gesellschaftlich hoch im Kurs. Doch die Realität sieht zunehmend anders aus: Immer komplexer werden räumliche und inhaltliche Koordinaten. Mit dem Zuwachs an Angeboten schnellt der Bedarf an Orientierung exponentiell in die Höhe – und mit ihm die Suche nach klaren Navigationsstrukturen. Vielleicht ist das der Grund, warum das uralte und anachronistisch wirkende Phänomen des Labyrinths immer mehr an Bedeutung gewinnt (s. auch unser Essay zur Logik vernetzter Systeme auf S. 84). Im Mai 2002 fand das erste Symposium der Labyrinth Society in Glastonbury/England statt. Die in USA ansässige Gesellschaft fungiert als Netzwerk für den Erfahrungsaustausch mit dem Phänomen. Sie unterstützt alle, die selbst Labyrinthe konstruieren wollen, und engagiert sich für den weltweiten Einsatz des Labyrinths im Erziehungs- und Gesundheitswesen. Das Phänomen Labyrinth wird immer populärer. Denn angesichts der zunehmenden Komplexität dieser Welt ist der Versuch, sich zu orientieren, oft ein purer Verzweiflungsakt. Warum also nicht sich noch weiter verlieren, totale Desorientierung suchen, um dann mit verschärftem Blick wieder neu auf die Dinge zuzugehen? „Schließlich leiden wir alle unter Abstumpfung und müssen wieder lernen wahrzunehmen, die Sinne aufzuwecken. Das kann das Labyrinth“, so Ilse M. Seifried. Seit Jahren beschäftigt sich die in Wien tätige Sonderschullehrerin und Autorin mit Labyrinthen und ihrer Wirkkraft. Uraltes Phänomen – aktueller denn je Wer denkt, das Labyrinth sei mit einem Irrgarten gleichzusetzen, irrt. Labyrinthe existieren seit etwa 5.000 Jahren in den unterschiedlichsten Kulturkreisen. Dass das echte Labyrinth nicht in die Irre führt, sondern als Ganzheit stiftendes Sinnbild der Selbstfindung und Orientierung dient, ist eines der erstaunlichsten Ergebnisse der Labyrinthforschung. Seit der Antike wird es mit dem Irrgarten verwechselt. Zwar entsteht durch beide Phänomene der Reiz von Desorientierung kombiniert mit maximalem Zeitverlust. Aus Irrgarten und Labyrinth resultieren aber unterschiedliche Psychologien. Während der Irrgarten Angst erzeugt, schafft das Labyrinth Vertrauen. Definiert wird dieser Unterschied durch das Bewegungsmuster: Mehrere Wege und Sackgassen durchziehen den Irrgarten. Man muss, wie der Name sagt, „umherirren“, bis man zum Ziel kommt. Das Labyrinth hingegen perfektioniert einen einzigen Umweg als Prinzip. Um zum Ausgangspunkt zurückzugelangen, ist der zur Verfügung stehende Innenraum mit einem Maximum an singulärem Umweg ausgefüllt. Die Bewegungen sind rhythmisch, keinesfalls chaotisch wie die des Irrgartens. „Die Nicht-Geradlinigkeit ist für unser Gehirn eine neue Erfahrung. Sie erzeugt bestimmte Effekte, die noch nicht erforscht sind“, erläutert Ilse M. Seifried.
Über den Umweg schneller ans Ziel Urbane Siedlungsgebiete und Zivilisationsräume, das World Wide Web, Supermärkte, Museen und Parkanlagen leben vom Prinzip des Umweges. Auf dem Umweg ist der Profit am größten – ideell und materiell. Je länger der Aufenthalt in diesem System dauert, desto größer ist der Erfahrungszuwachs. „Willst du schnell ans Ziel kommen, gehe einen Umweg“, zitiert Seifried ein chinesisches Sprichwort. Denn auf dem kurzen Weg geht viel verloren. Auf labyrinthisches Navigieren muss man sich einlassen. Zumal es in großem Kontrast steht zu unserem heutigen Verhaltensmuster „Das Labyrinth zu verstehen wird schon bald die unerlässliche Voraussetzung für die Beherrschung der Moderne sein“, schreibt Jacques Attali, französischer Wirtschaftswissenschaftler und Publizist, in seinem Buch „Wege durch das Labyrinth“. Verschlungene Wege nicht als Problem, sondern als Lösung zu sehen, ist eine lohnende Möglichkeit, komplexen Gegebenheiten zu begegnen. Sich leiten lassen vom System, dem Weg an sich, braucht auch Mut und Geduld. Dann aber tritt ein befriedigender Effekt ein: Wieder am Ausgangspunkt angelangt, aber doch weitergekommen zu sein. Auch eine Möglichkeit der Orientierung.
Carla Susanne Erdmann |  | Desorientierung, die Vertrauen schafft: Im Unterschied zum Irrgarten leitet das Labyrinth den Menschen gezielt über den Umweg. So bleibt Raum und Zeit für Entdeckungen. Ein uraltes Prinzip. Fotos: Marianne Ewaldt.
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