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| Ausgabe: 02/2010 | 02.06.2010
Editorial
Weißes Gold im Wertewandel
Gedenktage kommen nicht immer zum passenden Zeitpunkt. In diesem Jahr wird das 300. Jubiläum des europäischen Porzellans gefeiert, das Johann Friedrich Böttger seinerzeit im sächsischen Meißen erfand. Doch die Feierlaune der Branche hält sich in Grenzen. Zwar reicht die Produktbandbreite der einstigen „Böttger-Ware“ heute vom Kunstobjekt bis zur (chemisch anders beschaffenen) Industriekeramik, doch gerade im Kernbereich, bei den Herstellern von Tisch- und Gebrauchsporzellan, kriselt es. Bedeutende Mitglieder der Porzellan-Community wie Rosenthal oder der noble Wedgwood-Konzern, seit 1997 Mehrheitsaktionär bei Rosenthal, gingen im vergangenen Jahr in Insolvenz und sehen einer ungewissen Zukunft entgegen. Die meisten Unternehmen sind von mehr oder minder starken Umsatzrückgängen betroffen. Selbst die Meissener Manufaktur, mit der die europäische Porzellankultur einst ihren Anfang nahm, hatte im Verlauf des letzten Jahrzehnts schleichende Verluste an Umsatz (etwa 12 Prozent) und Mitarbeitern (etwa 20 Prozent) zu beklagen.
Die larmoyanten Begründungen dafür scheinen nachvollziehbar: Der allgemeine Wandel von Werten und Lebensformen bringe einen Verfall der Tischkultur mit sich – neue Tischsitten würden Tafelsilber und klassische Porzellankollektionen ins Abseits drängen. Doch ist es wirklich so einfach? Wohl kaum. Sonst könnten wir in dieser Ausgabe nicht zwei herausragende Porzellan-Erfolgsgeschichten präsentieren. So avancierte etwa das Unternehmen Kahla vom ostdeutschen Außenseiter zu einem der Gestaltungsvorreiter der Branche. Das sah anfangs nicht so aus. Als sich Kahla 1997 vom althergebrachten Service mit einer Serie verabschiedete, die den programmatischen Namen „Update“ trug, rief die Konkurrenz gleichsam den „Untergang des Abendlandes“ aus. Doch der Erfolg gibt dem thüringischen Mittelständler Recht – und mit ihm der zentralen Figur dieses Wandels. Chefdesignerin Barbara Schmidt erkannte die Zeichen der Zeit und setzte sie in Gestaltungslösungen um, die – weil weniger festgelegt – eine eher informelle Tischkultur ermöglichen.
Ebenso erfolgreich wie das Industrieunternehmen Kahla hat sich die Manufaktur „hering berlin“ etabliert. Mit großem handwerklichen Können, einer gestalterischen wie unternehmerischen Vision sowie einer gesunden Portion Ehrgeiz ist es Stefanie Hering gelungen, das Thema Luxus ausgesprochen modern zu interpretieren. Edles Biskuitmaterial und zurückhaltend-kostbar wirkende Dekore vermitteln Hochwertigkeit, ohne zu protzen. Hering-Porzellan – zeitlos und up to date zugleich – passt in ein historisches Nobelambiente genauso wie in einen modern gestalteten Haushalt.
Woran das liegt? Es scheint, als ob gerade die hehren Traditionen zahlreicher Hersteller einen Ballast bilden, der erfolgreichen Modernisierungen entgegensteht: komplette Service, aufwändige Dekore, lautet da immer noch die Devise. In der Annahme, dass die Kundschaft im Prinzip immer das Gleiche noch einmal möchte, dreht man sich im Kreis, entwickeln viele Produzenten einen faden Oligarchenschick, für den sich aber offensichtlich kein hinreichend großer Markt mehr findet.
„Wer serviert denn Fertigsuppe in einer Terrine?“, fragte die FAZ angesichts der Krise bei der Traditionsmarke Wedgwood. Das klingt plakativ-plausibel: Die Zeit der Terrinen und Saucieren scheint abgelaufen. Doch der Fast-Food-Macht hat sich längst eine Slow-Food-Bewegung entgegengestellt. Eine nicht eben schmale Konsumentenschicht interessiert sich für die Herkunft ihres Essens ebenso wie für dessen sorgfältige Auswahl und Zubereitung. Sie legt nicht zuletzt auch Wert darauf, dass die Speisen entsprechend serviert werden. Die Träger dieses neuen Qualitätsbewusstseins werden hervorragend gestaltetes Porzellan dem Pappteller und dem Allerweltsprodukt stets vorziehen. Guten Appetit!
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Gestalter: Heine/Lenz/Zizka Büro für Design und Kommunikation
www.hlz.de
Lars Quadejacob | |
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