| Ausgabe: 06/2009 | 02.02.2010
Editorial
Holzbein als Schmuckstück
Häme kam auf, als im vergangenen Sommer eine von Jürgen Mayer H. gestaltete Hamburger Zahnarztpraxis ihre Pforten auftat. Natürlich hatte der Berliner Ex- und Interiordesigner die Räume mit seinem charakteristischen, expressiv-organischen Formenrepertoire ausgestattet. Die Einrichtung ist durchgestylt bis in den Namen hinein: Als „ZZ Sankt Georg“ firmiert das neue „Zentrum für Zahnmedizin“ im Szenestadtteil St. Georg. Prompt wurde in Kommentaren rhetorisch gefragt, ob man sich in diesem coolen Ambiente wirklich die Zähne behandeln lassen – oder nicht eher Schuhe kaufen und Café Latte trinken solle. Eine andere kritische Stimme vermisste „natürliche Materialien“, eine dritte fand „alles sehr gewollt“. Das ist es in der Tat!
Die drei jungen Zahnärzte, die die ambitionierte Gestaltung ihrer Arbeitsräume in Auftrag gaben (und während der Entwurfsphase in engem Austausch mit den Architekten standen), wollten ein Medical Design der anderen Art. Das ist gelungen. Ein raffiniert angelegter Grundriss, geschwungene, dunkelbraune, mit blauen Elementen kombinierte Wände und eine effektvolle Lichtgestaltung schaffen ein eindrucksvolles Raumkontinuum, das das medizinische Umfeld fast vergessen macht. Der Gedanke, hier erst einmal Karamellschokolade mit Blue Curaçao bestellen zu können, wie ein Kritiker ironisch formulierte, liegt gar nicht so fern – Farb- und Formgebung lassen eher Assoziationen an einen exklusiven Club aufkommen. Und auf diese Weise kann die potenziell angstvolle Fixierung auf die zahnmedizinische Behandlung gelockert und gelöst werden. Untersuchungen zeigen, dass Menschen in emotionalen Belastungssituationen stärker auf optisch-ästhetische Reize reagieren. Die Innenarchitektur nutzt diesen Zusammenhang, indem sie ästhetisch lustvoll erfahrbare Raumsituationen anbietet.
Dass Medical Design auch Industriedesign pur sein kann, zeigt unser Porträt des ingeniösen Tüftler-Designers Fred Held. Das Büro Held + Team arbeitet für Kunden wie Olympus oder Trumpf Medizintechnik und entwickelt zum Beispiel Operationsgeräte für die „Schlüsselloch-Chirurgie“. Dabei wird die Ergonomie optimiert, die Teilezahl vermindert, für visuelle Ordnung gesorgt. Auch hier schreitet die Entwicklung unaufhaltsam voran. Seit Held vor zwölf Jahren sein Büro gründete, hat sich das gestalterische Niveau von Medizinprodukten stetig gesteigert. Und dass Deutschland heute zu den drei weltweit größten Exporteuren auf dem Gebiet der Medizintechnik zählt, ist nicht zuletzt gutem Design zu verdanken. Der zunehmenden Bedeutung und den wachsenden Möglichkeiten des Medical Designs trägt ein neuer Studiengang an der Muthesius-Hochschule Rechnung, den wir ebenfalls vorstellen.
Dass im Medical Design mitunter auch technisch-kinematische und ästhetisch-psychologische Momente zusammenfallen, zeigt sich bei den Prothesen. Lange Zeit gab es nur Standardmodelle künstlicher Köperteile. Dabei steigern individuelle Prothesen die innere Akzeptanz des Handicaps und innovative Ansätze in Engineering und Design können helfen, das Stigma der Behinderung zu reduzieren. Bestes Beispiel ist die Amerikanerin Aimee Mullins, der aufgrund einer seltenen Erbkrankheit im Säuglingsalter beide Unterschenkel amputiert werden mussten und die trotz ihrer Behinderung als Model auf dem Laufsteg und als Leichtathletin beim Sprint und Weitsprung Erfolge feiert. Die 33-Jährige besitzt über ein Dutzend Beinprothesen, die sie dezidiert als „tragbare Skulpturen“ bezeichnet und zuweilen wie Schmuckstücke einsetzt. – Medical Design ist für einige Überraschungen gut!Lars Quadejacob
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Gestalter: TwoPoints.Net, Barcelonawww.twopoints.net
Lars Quadejacob | |
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