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| Ausgabe: 05/2009 | 01.12.2009
Editorial
Zwischen Bauhaus und Biennale
Noch bis Ende November läuft die Biennale in Venedig. Seit 1895 präsentiert die renommierte Schau jeweils aktuelle internationale Kunst. Auf der jetzigen 53. Ausstellung stechen allerdings zahlreiche Arbeiten ins Auge, die sich durch designnahe Ausdrucksformen auszeichnen. So installierte der Brite Liam Gillick im deutschen Pavillon mit seiner „Multiplied Discussion Structure“ eine Art monströser Frankfurter Küche, der nordische Pavillon ähnelte auf den ersten Blick einer Musterwohnung im skandinavischen Stil und für das zentrale Café verfremdete Thomas Rehberger, ohnehin als Grenzgänger zwischen Kunst und Design bekannt, Artek-Möbel durch Aufbringen einer irritierenden Tarnbemalung. Schon wurde gefragt, ob Design die bessere Kunst sei.
Das Crossover der beiden Disziplinen sorgt bereits seit einiger Zeit für Schlagzeilen und wird viel mehr noch in entgegengesetzter Richtung betrieben. Designer bedienen sich Formen freier Kunst – einschließlich ihrer Vermarktungsformen. Oft wird diese „Design Art“ bewusst für einen engen Galeriemarkt hergestellt und durch limitierte Auflagen, Editionen und Kleinstserien künstlich verknappt. So beeindrucken nicht zuletzt die Preise der Produkte. Auf der Verkaufsmesse Design Miami Basel – nach eigener Definition „Forum für Limited Edition Design“ – erwarb etwa Filmstar Brad Pitt im Juni die Wohnhöhle „Mini Capsule Hotel“ des Rotterdamer Kreativenkollektivs Atelier van Lieshout für 95.000 Euro. Doch ist das nichts gegen Marc Newsons „Lockheed Lounge“, für die bereits zwei Millionen Dollar hingeblättert werden mussten. Dass Ikonen des historischen Industriedesigns schon lange in die Topliga des Kunstmarktes vorgestoßen sind, dokumentieren die Preise, die Auktionshäuser wie Quittenbaum für entsprechende Stücke erzielen (s. S. 42). Nun zieht das Autorendesign der Gegenwart nach. „Ich glaube, es ist eine Folge des explodierenden Kunstmarktes, der auf die benachbarten Felder eine Menge Geld spült“, analysiert Vitra-Chef Rolf Fehlbaum: „Das ist ein Moment, wo experimentelles Design wieder möglich ist, weil es dafür einen Markt gibt.“
Das ist sicher richtig. Auch der klassischen Moderne erschien eine aseptische Trennung der Disziplinen keineswegs zwingend. So nimmt in der opulenten Schau zum 90. Jubiläum des Bauhauses im Berliner Martin-Gropius-Bau die Präsentation künstlerischer Experimente und freier Arbeiten von Lehrern und Schülern denn auch breiten Raum ein. Dass angewandte und freie Kunst in fruchtbarer Beziehung zueinander stehen können, meint auch Volker Albus, der Produktdesign an der HfG Karlsruhe lehrt (s. unser Interview ab S. 39). Doch wird der Aspekt der Utilitarität dabei nie aus dem Auge verloren. So verstärkt sich der Eindruck, dass im Fall der „Design Art“ häufig Marketingstrategien im Vordergrund stehen: „Alles, was originell aussieht, kann heute verkauft werden“, sagt Designsammler Thomas Bröhan: „Aber ich sehe kaum noch wirklich innovative Lösungen. Der große Wurf fehlt.“
Noch immer sind Designer mit dem Problem konfrontiert, dem Publikum jenseits der Fachgrenzen die eigenen Kompetenzen zu vermitteln. Dies wurde in der letzten Ausgabe des design reports mit dem Schwerpunkt „Designer und Ingenieur“ deutlich. So erfreulich es für Gestalter sein mag, sich frei von Vorgaben der Hersteller oder Zwängen der Serienproduktion entfalten zu können, und so sehr das Experiment auch positive Rückwirkungen auf Design haben mag – in der öffentlichen Wahrnehmung bestätigt diese Herangehensweise eher Klischees. Noch dazu, wenn in Kunst und Design vermehrt Tendenzen zu „Gefälligkeitsoptik“ (Volker Albus) und „reiner Ästhetik“ zu beobachten sind.
Kann Design also die bessere Kunst sein? – Kann schon sein. Aber nur, wenn der Designer nicht allein in Kunst macht.
Zum Titelbild
Martin Grothmaak, Projekttriangle Design Studio (www.projekttriangle.com) unter Verwendung des Kunstwerks „Symbiosis“ von Peter Zizka Fotografie: Tom Ziora
Lars Quadejacob | |
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