| Ausgabe: 03/2009 | 03.08.2009
Editorial
Probleme, Preise, Promotionen
Unter Akademikern begegnet man hin und wieder der Abkürzung „Dr. des.“. Was wie ein Doktortitel aus dem Bereich des Designs aussieht, ist aber gar keiner. Das Kürzel „des.“ steht für „designatus“: Haben Kandidaten auf dem Weg zur Promotion alle Prüfungen hinter sich, aber das Doktordiplom noch nicht in den Händen, dürfen sie sich dennoch schon einmal als „designierter Doktor“ vorstellen. Dem gegenüber gibt es inzwischen zahlreiche echte Design-Doktoren: Viele Hochschulen haben die Möglichkeit zur Promotion in verschiedenen Designdisziplinen eröffnet. Dabei scheint das angelsächsische Modell Fuß zu fassen, das eine Verbindung von Projektarbeit und Dokumentation vorsieht: „PhD through project“.
Mit dem Zugang zur Promotion als Studienabschluss hat sich die Designausbildung voll ausdifferenziert – erstreckt sie sich doch nun über das ganze Spektrum von solider handwerklicher Schulung bis zum Design als Wissenschaft, die Strategien zur Lösung komplexer Probleme entwickelt. Vor dem Hintergrund der ökologischen und kulturellen Herausforderungen unserer Zeit sowie den technologischen Innovationen – von neuen Medien bis zu neuen Materialien – gewinnen andere Ansätze als die Ausbildung perfekter Formgestalter an Gewicht. Unter Designkompetenz wird zunehmend die Fähigkeit verstanden, Perspektiven und Erkenntnisse unterschiedlicher Disziplinen zu bearbeiten, zu organisieren und zu integrieren. Auffallend ist, dass diese neuartigen Ansätze oft außerhalb der bisherigen Ausbildungsstrukturen entstehen. Zwei davon stellen wir deshalb in diesem Heft vor: den neuen Studiengang der TU München, der – bisher einmalig im Designbereich – mit dem „Master of Science“ abschließt, und das Aufbaustudium an der privaten Potsdamer „School of Design Thinking“, die der SAP-Gründer Hasso Plattner ins Leben gerufen hat.
2009 ist es zehn Jahre her, dass die EU-Staaten das Bologna-Abkommen zur Schaffung eines einheitlichen Hochschulwesens unterzeichneten. In diesem Rahmen haben sich die meisten herkömmlichen Designstudiengänge einander angeglichen. An Kritik der neu organisierten Curricula fehlt es nicht. Die geforderte Vergleichbarkeit der Ausbildung habe eine Überfrachtung des Studiums mit festgelegten Inhalten zur Folge, heißt es. Wir fragten Absolventen, Professoren und Unternehmen nach ihren Erfahrungen.
Gerade vor dem Hintergrund einer gleichsam standardisierten Ausbildung wird es immer wichtiger, das eigene Profil schon während des Studiums zu schärfen. Die gezielte Auswahl von Lehr- und Praxisbausteinen in der Ausbildung ergibt ein individuelles Portfolio, das bei der Positionierung auf dem tendenziell übersättigten Arbeitsmarkt hilft – siehe dazu unsere Bilanz auf Seite 36.
Auf individuelle Ideenfindungen und überzeugende Gestaltungslösungen zielt nicht zuletzt der auf der Mailänder Möbelmesse verliehene design report award. Wir präsentieren das Nachwuchstalent des Jahres, das auf dem diesjährigen Salone Satellite von einer international besetzten Jury gekürt wurde – 2009 bereits in der zehnten Auflage. Dabei fällt ins Auge, dass sich viele der jungen Teilnehmer durch eine beachtliche Fertigkeit im Modellbau, im Finish ihrer Produkte und im Styling ihres Gesamtauftritts auszeichnen. Immer häufiger sieht man allerdings formal Kopiertes. Was wir suchen, sind jedoch Problemlösungen, auf die zuvor noch niemand gekommen ist – selbst wenn es sich auch nur um ganz kleine Probleme handelt. Innovative Beiträge von Newcomern herauszuheben und auszuzeichnen, verstehen wir als unseren Beitrag zur Nachwuchsausbildung und -förderung. Und anders als beim Doktortitel gibt es dabei nicht nur eine Urkunde ...
Lars Quadejacob
Zum Titelbild
Gestalterin: Anette Lenz, Paris. Die Grafikdesignerin lehrt unter anderem an der HEAD (Haute Ecole d'Art et de Design Genève) und war letztes Jahr Juryvorsitzende beim Wettbewerb „Beste Plakate“. contact@anettelenz.com | |
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