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| Ausgabe: 02/2009 | 02.06.2009
Editorial
Alte Hüllen, neue Packungen
Die Autoindustrie hat derzeit mit einer weltweiten Absatzkrise zu kämpfen, zugleich bereitet sie sich auf den umfassendsten Technologiewechsel ihrer Geschichte vor. Wer erwartet hat, dass der Abschied vom Öl und die Forcierung alternativer Antriebe zu neuen formalen Lösungen führen, reibt sich verwundert die Augen: Auf dem diesjährigen Genfer Autosalon steckte die neue Technik in bewährten Blechkleidern. Opel präsentierte den „Ampera“, die Studie eines Elektroautos mit kleinem Benzinhilfsmotor. Smart zeigte die Elektrostudie des Tuners Brabus. Das aufgemotzte Wägelchen verfügt über einen Soundgenerator, der das geräuschlose E-Mobil in ein nervtötendes Etwas verwandelt. Der Wechsel des Antriebs darf also keinesfalls zulasten des Spaßfaktors gehen. Auch die Bemühungen des Schweizer Tuners Sportec, einen Porsche „Mean & Clean“ mit Erdgasantrieb auszustatten, soll zu weniger CO2-Ausstoß führen – und zu mehr Leistung. Für Insider mögen diese Show Cars eine Hightech-Aura verströmen – aber wie das mit einer Aura eben ist: Sehen kann man sie nicht!
Liegt es daran, dass Autodesigner einem extremen Konkurrenzdruck unterliegen, der das Nachdenken über Alternativen blockiert? Wollen Marketingstrategen dem Publikum die Angst vor der neuen Technologie nehmen? Raymond Loewy fand für Fragen solcher Art das MAYA-Prinzip: Ein Design müsse „Most advanced, yet acceptable“ sein, um beim Konsumenten anzukommen. Zunächst steckt neue Technik in alten Formen. Das war beim Computer, dem Mobiltelefon und den Digitalkameras so, erst recht bei Erfindungen vergangener Jahrhunderte. Charakteristische Formen brauchen Zeit.
Design greift ein im Spannungsfeld von innen und außen. Das gilt auch fürs Verpackungsdesign, den Schwerpunkt dieser Ausgabe des design reports. Ein äußerst komplexes Aufgabenfeld, das Produktdesign und Branding, die Gestaltung von Systemen, empirische und tiefenpsychologische Untersuchungen mit einschließt. Günter Kupetz, der vor genau 40 Jahren die bekannte gläserne Perlenflasche entwarf, berichtet uns aus einer Zeit, in der Verpackungsdesign in erster Linie Etikettendesign war und bestenfalls von Gebrauchsgrafikern geschaffen wurde.
Erst durch Lebensmittelgeschäfte mit Selbstbedienung begann der Boom der Markenprodukte. Das erste deutsche Geschäft dieser Art eröffnete im Juni 1949 in Hamburg. In der Folge machten Supermärkte Handelsverpackungen für alle Güter notwendig und lenkten den Blick auf deren Gestaltung. Der Marken- und Packaging-Experte Harald Seeger behauptet, wir stünden heute erst am Anfang eines Zeitalters der Perfektionierung von Verpackungen, die reichlich Optimierungspotenzial mit dem Ziel eines „positiven Produkterlebnisses“ bieten.
Dafür wird zum Beispiel das lustvolle Auspacken aufwändig choreografiert: Beim „Unboxing“ des „iPhone“ etwa ist bewusst eingeplant, dass der Käufer sieben Minuten seiner Zeit investiert, um an sein Gerät zu kommen. Sieben Minuten, in denen er sich zugleich ganz praktisch mit dem Qualitätsanspruch und den Markenwerten des Herstellers auseinander setzt.
Im krassen Gegensatz dazu steht die Null-Verpackung: Der Allesversender Amazon bietet neuerdings „frustration free packaging“ an. Die Ware wird kurzerhand ohne Verpackung geliefert, weil ein Zuviel davon als Belastung empfunden wird. Auch unter ökologischen Aspekten lässt sich ein Trend zur Minimierung der Verpackung ausmachen. Wobei – und das wissen nicht nur die Autodesigner – nichts schwerer ist als die Kunst des Reduzierens, des Weglassens, des Verbesserns im Detail.
Lars Quadejacob
Zum Titelbild
Gestalterin: Susanne Kreuzer, Art Direktorin, Zürich, sus.kreuzer@gmail.com | |
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