| Ausgabe: 04/2003 | 26.03.2003
Newcomer
Tapetenwechsel
Eine Tapete kann mehr sein als eine Wandbekleidung – das beweisen die Architekten Christoph Zeller und Marco Zürn mit ihrem Projekt „€-Kollektor“. Ein folienartiges OLED-Display, das sich zurzeit noch in der Entwicklung befindet, und eine verschiebbare Konstruktion aus Plexiglasröhren bilden die Grundelemente ihres Entwurfs. Der Bildschirm zeigt die Beträge an, die der Bewohner mit seiner Kreditkarte ausgibt. Damit verändert sich zugleich der Grad der Transparenz, die Zahlenreihen wachsen von unten nach oben an. Wer zuhause nicht gerne an die finanziellen Folgen seiner Shopping-Touren erinnert wird, kann beruhigt sein: Das Display ist vielseitig zu nutzen und verarbeitet alternativ auch schnelle Videosignale. Die Idee erhielt im Wettbewerb „New walls, please!“, den der Rat für Formgebung und die A.S. Création Tapetenstiftung veranstalteten, den ersten Preis (siehe dr 3/03). Zeller und Zürn lernten sich beim Architekturstudium an der Universität der Künste in Berlin kennen und gründeten noch vor ihrem Diplom die Gruppe ZZ. Sie fusionierten ihre Erfahrungen, Talente und bisherigen Projekte, um sie als gemeinsamen Fundus zu nutzen. Ihre jeweilige Mitarbeit in Architekturbüros wie O.M.A. und Foster&Partners sowie die gemeinsame Tätigkeit bei der Architektin Kazuyo Sejima in Tokio bilden den Hintergrund ihres Schaffens. Aufträge von Firmen wie Mercedes-Benz, Velux und Sony zeigen, dass die Doppelpack-Strategie aufging. Mit ihrer Tätigkeit als gestalterische Dienstleister finanzieren ZZ eigene künstlerische Projekte. So entwickelten sie zum Beispiel das „Sales Slip House“, einen 14 Quadratmeter großen Raum, den sie im Rahmen einer Ausstellung von Designtransfer (UdK Berlin) in eine typische Berliner Wohnung integrierten. Die Hülle des Raumes besteht dabei aus leeren Kassenrollen, die von einer filigranen Drahtkonstruktion gehalten werden. Auf dem Boden bilden vier Papierblöcke ein streng geometrisches Muster. Das jeweils oberste Blatt dieser Stapel lässt sich abreißen, um den Raum wieder in einen reinen Zustand zu versetzen. Der gemeinsame Tokio-Aufenthalt hatte Christoph Zeller und Marco Zürn zu dieser Installation inspiriert. Sie selbst hatten 60 Tage auf engstem Raum in der asiatischen Metropole zusammengewohnt. Die Folge: Kontinuierlich wuchs das Bedürfnis den Wohnraum zu verlassen, die Aktivitäten verlagerten sich in den Stadtraum und der Geldbeutel wurde stark beansprucht. Mit den erworbenen Kassenzetteln tapezierten Zeller und Zürn dann nach und nach die Wände ihrer knapp bemessenen Behausung. Das Projekt „Sales Slip House“ konfrontiert auf ironische Weise die Lebensgewohnheiten westlicher mit denen östlicher Kultur. Im Augenblick arbeiten ZZ zusammen mit der spanischen Künstlerin Alicia Framis an einer Serie von Häusern, die auf die Bedürfnisse von Paaren in Wochenendbeziehungen ausgelegt sind. So zum Beispiel das „Well-Matched House“. Ähnlich dem Streichholzschachtel-Prinzip lässt sich der Wohnraum des einen Partners in die Gebäudestruktur des anderen schieben und umgekehrt: Eine Lösung auch für Unentschlossene.
www.zz-berlin.de
Fotos: Simone Rosenberg
Claudia Hildner | |