| Ausgabe: 02/2010 | 02.06.2010
Porzellan
Eine Frage des Weitblicks
Die Frage nach der Zukunft des Porzellans ist für Professor Hubert Kittel eine Frage von Mut und Flexibilität der Hersteller. Radikale und fantasievolle Vorschläge von europäischen Designstudenten wird er in der Sonderausstellung „300+X“ vorstellen, die Ende April im Rahmen der umfassenden Jubiläumsschau „Königstraum und Massenware“ in Selb eröffnet.
Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Porzellans werden in diesem Jahr, 300 Jahre nach Gründung der ersten europäischen Porzellanmanufaktur, vielfältig besprochen und beleuchtet. Auch das Porzellanikon in Selb nimmt das Jubiläum zum Anlass für eine umfassende Ausstellung. In fünf Einzelausstellungen sollen dort die unterschiedlichen Aspekte eines Materials beleuchtet werden, das wie kein anderes die Kulturgeschichte Europas bebildern kann.
Dem Thema Funktionalität und Werkstoffgerechtigkeit in der Geschichte der Porzellangestaltung widmet sich der Designtheoretiker François Burkhardt. Die stellvertretende Direktorin des Museum Ludwig in Köln, Katja Baudin, wird im Ausstellungsteil „Utopien des Alltags“ den sich zunehmend zu einem eigenen Genre entwickelnden Grenzbereich zwischen Kunst und Design darstellen – mittels eigens für die Ausstellung konzipierter Arbeiten von verschiedenen Künstlern und Designern. Weitere Ausstellungsthemen sind der Einsatz von Porzellan in der Architektur und Porzellan als Lifestyleprodukt.
In einer Zeit der andauernden Krise der Branche erlaubt der Ausstellungsbereich „300+X“, kuratiert von Hubert Kittel, Professor an der Hochschule Burg Giebichenstein in Halle, einen Blick auf die Entwürfe einer jungen Generation von Gestaltern, die das Porzellan unter Berücksichtigung sich wandelnder Bedürfnisse ganz neu erfindet. Wir haben mit ihm vorab über die kommende Ausstellung und die Perspektiven des Werkstoffs Porzellan gesprochen.
Herr Kittel, Sie kuratieren in Selb die Sonderausstellung „300+X“, in der Sie Porzellanentwürfe von Studenten und Absolventen europäischer Hochschulen zeigen. Worum geht es Ihnen in dieser Ausstellung und nach welchen Kriterien haben Sie die Arbeiten ausgewählt?
Mich hat bei der Sichtung möglicher Ausstellungsstücke vor allem eine Frage beschäftigt: Wie geht es weiter mit diesem faszinierenden europäischen Werkstoff? Daher habe ich vor allem Entwürfe für die Serie mit einem originellen Gebrauchshintergrund oder einem experimentellen Ansatz ausgewählt, die in irgendeiner Form für die Industrie oder die Studio-Designszene relevant sind und die in meinen Augen den Zukunftsaspekt „X“ repräsentieren können.
In der allgemeinen Wahrnehmung ist Porzellan noch immer ein sehr traditionelles Material. Wie sieht das die junge Gestaltergeneration?
Die jungen Designer begegnen dem Werkstoff vollkommen frei von dem historischen Ballast, der sich häufig noch in der medialen Darstellung spiegelt. Porzellan ist ein bildsamer und hochinteressanter Ausdrucksträger, der allerdings in der Bearbeitung und Beherrschung eine große Herausforderung darstellt. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, ist die Faszination am Material ungebrochen. Ich habe für die Ausstellung nach intelligenten Ansätzen gesucht, die sich dieser Herausforderung stellen.
Wie erklären Sie sich die anhaltende Faszination dieses Werkstoffs?
Porzellan weist eine erstaunliche Kombination von Eigenschaften auf: eine hohe Belastbarkeit, eine enorme Härte, einen sehr hohen Weißgrad – und das gepaart mit Feinheit, Eleganz … Es ist ein Werkstoff, der sich als Gebrauchsgegenstand im harten Alltag bewährt, aber eben auch materialästhetisch sehr viel zu bieten hat. Ich denke, es sind diese kontrastierenden Eigenschaften, die Porzellan so faszinierend machen.
Spielt denn die Dauerhaftigkeit, die Werthaltigkeit, von Porzellan noch eine Rolle? Oder stellt diese Eigenschaft in den heutigen Produktzyklen eher ein Problem für die Marktfähigkeit des Materials dar?
Eigentlich ist Dauerhaftigkeit doch eine positive Eigenschaft, die fantastisch mit unserer großen Weltlage und der Forderung nach Umweltgerechtigkeit harmoniert. Ein Stück hat Bestand, ich kann es benutzen, ohne dass ich eine Alterung sehe, und ich kann es an meine Kinder weitergeben. Porzellan hat so etwas wie eine Haltbarkeit per se, und das ist eigentlich kein Nachteil.
Aber das genau macht es doch schwierig für den Markt. Jeder hat schon genügend Geschirr, das fast ewig hält. Was außerdem noch an Bedarf besteht, deckt Ikea mit spottbilliger Alltagsware ab. Die Bereitschaft, höhere Preise zu zahlen, ist dadurch stark gesunken.
Das stimmt natürlich, und wir wollen deshalb diese Alltagsmassenware in der Ausstellung bewusst nicht zeigen. Sie wird global zu unschlagbaren Preisen produziert, da können und sollten wir auch nicht versuchen mitzuhalten. Aber wir können in der Ausstellung dazu anregen, diesen Werkstoff genauer zu betrachten. In den 300 Jahren seit dessen Nacherfindung ist in Europa eine eigenständige Porzellankultur gewachsen – mit einer großen Kennerschaft und Könnerschaft darin, dieses Material vielseitig zu begreifen. Heute allerdings können leider nur wenige Menschen eine Ikea- von einer KPM-Tasse unterscheiden. Doch das ist nicht nur eine Frage der Gestaltung, sondern vor allem der Vermittlung einer gewissen Wertschätzung und des Stellenwertes von Porzellan als Kulturgut.
Aber wenn der Unterschied für den normalen Verbraucher nicht zu erkennen ist, wie kann man ihn vermitteln? Haben die jungen Gestalter dazu Ideen?
Wir zeigen in der Ausstellung Arbeiten, die Fassetten des Materials so faszinierend herausarbeiten, dass es für den Betrachter ein Ahaerlebnis gibt, wie Porzellan auch sein kann. Das sind Erlebnisse, die ein für die automatisierte Produktion entwickeltes Massenprodukt niemals vermitteln wird. Wir versuchen, das Material in seiner ästhetischen Vielseitigkeit zu zeigen, um wieder Begeisterung und ein Bewusstsein dafür zu wecken. Außerdem gibt es einen Ausstellungsbereich, der Produktlösungen für spezielle Nutzergruppen wie Senioren oder sehbehinderte Menschen zeigt, die ja einen genauso hohen Anspruch an Ess- und Trinkkultur haben, die aber in den großen Serien in der Regel nicht berücksichtigt werden. Insgesamt wird noch viel zu wenig mit intelligenten Kleinserien auf besondere Bereiche eingegangen.
Und dabei ist es ja gerade eine der großen Qualitäten der Porzellanfertigung, dass man wirtschaftlich und relativ unkompliziert auch Kleinserien herstellen kann.
Genau! Das ist überhaupt einer der Zukunftsaspekte, den viele junge Designer für sich entdecken. Europaweit gibt es eine florierende Szene kleiner Labels, die im Studioprinzip das anbieten und ergänzen, was die großen Serien nicht können, da diese aufgrund der produzierten Mengen und mit ihren Vertriebskanälen in der Regel zu starr und unbeweglich sind.
Welche Kompetenzen sind denn nötig, um Porzellan zu gestalten, und welche davon können Sie Ihren Studenten vermitteln?
Generell braucht es keine spezialisierte Ausbildung. Das Entscheidende ist meiner Meinung nach aber eine gute fachliche Betreuung, viel Zeit und Leidenschaft von Studierenden und Lehrenden. Im Herstellungsprozess von Porzellan sind viele Tücken in den Griff zu bekommen – da es stark schwindet und sich im Brennprozess bei 1.200 bis 1.400 Grad immer wieder auf unvorhergesehene Weise deformiert. Das ist in einem klassischen Semesterzeitraum und ohne eine Menge Biss nicht zu beherrschen. Besonders hilfreich sind deshalb Partnerschaften, bei denen Studenten direkt bei den Herstellern neue Produktideen entwickeln können und dabei fachlich unterstützt werden. Kahla ist dafür ein gutes Beispiel. Hier ist im Laufe der Zeit ein richtiges Kreativlabor entstanden. Ähnliche Partnerschaften verbinden uns aber auch mit Arzberg, Reichenbach, KPM und anderen.
Doch gerade die kleinen, feinen Manufakturen tun sich meist schwer, tatsächlich Neues zuzulassen und Designer hinzuzuziehen, die einen Blick von außen einbringen. Dabei könnte gerade das ihr Bestehen sichern, oder wo sonst würden Sie deren Zukunft sehen?
Das ist ein sensibles und schwieriges Thema. Die Zukunftsfähigkeit der einzelnen Betriebe hängt meiner Meinung nach von der Bereitschaft der Geschäftsführungen zu Öffnung und Flexibilität ab. Wenn man eine Manufaktur als reine Reproduktionsanstalt der klassischen Stile versteht oder allein in der Tagesproduktion mit Blick auf gegenwärtige Trends und Märkte seine Ziele sieht, dann lässt sich der Produktionsstandort Deutschland langfristig nicht halten. Das zeigt ja auch die Zahl der Schließungen und der Schrumpfung der Standorte in den letzten Jahren. Radikale Erneuerung ist mit moderner Technologie allein nicht zu haben – im gleichen Maße muss die Bedeutung neuer gestalterischer Lösungen erkannt und verstärkt werden! Das bedeutet offene Ateliers, das bedeutet, wieder Designer anzustellen, und das bedeutet, externe und interne Kapazitäten zusammenfließen zu lassen. Dass gehütete Geheimnisse heute noch ausreichend Mehrwert darstellen könnten, um sich auf dem Markt zu behaupten, ist meiner Meinung nach absolut falsches Denken.
Also Öffnung und Weiterentwicklung.
Ja! Hinzu kommt – doch das muss man nicht nur den traditionellen Manufakturen, sondern der ganzen Branche vorwerfen –, dass während der letzten zwei Jahrzehnte viele Stellen in den Entwicklungsabteilungen abgebaut wurden, sodass die verbliebenen Kollegen mit den Tagesaufgaben überausgelastet sind. Dadurch fehlen innovative Schübe aller Art. Die Hersteller müssten hier viel wacher und offener sein. Und sie müssten konzeptionell flexibler werden! Nur dem Ziel einer vollautomatisierten Fertigung hinterherzulaufen, greift zu kurz – und widerspricht dem Wesen des Werkstoffs. Gegenbeispiele gibt es außerhalb Europas, wo mit kleinen und hochwertigen Serien flexibel agiert wird.
Könnten Sie dafür ein Beispiel benennen?
Speziell Japan ist in dieser Hinsicht ein großes Vorbild für mich, da sich dort die Kultur des Produzierens in kleinteiligeren Strukturen erhalten hat und damit die Flexibilität und Wendigkeit, um schnell auf den Markt zu reagieren. Und trotz der eigenen Porzellankultur sind sie dort interessiert an den aktuellen Entwicklungen in Europa. Es stimmt nicht, dass in Japan nur die alten sächsischen Stile gekauft werden, auch für diesen Markt ist es entscheidend, dass eine Marke sich weiterentwickelt.
Apropos Entwicklung, lassen Sie uns noch einmal kurz auf die Ausstellung zurückkommen. Dort werden Sie auch Arbeiten mit Hochleistungskeramiken zeigen. Eignen sich diese Werkstoffe für die Verwendung außerhalb ihrer ursprünglich technischen Bestimmung?
Wir fanden, dass dies ein Bereich ist, der in der Regel in Keramikausstellungen nicht berücksichtigt wird. Und das, obwohl sich hier phänomenale Perspektiven einer Materialwelt auftun, zu der Designer bisher kaum Kontakt hatten. Deshalb zeigen wir hier einige der interessantesten Arbeiten unseres Designlabors „Silicate Valley“, mit dem wir, auch als Schwerpunkt meines neuen Masterkurses an der Burg Giebichenstein, eine Schnittstelle zwischen Forschung und Design aufbauen. Außerdem werden Arbeiten zu sehen sein, die an der Hochschule Niederrhein bei Gerhard Hahn entstanden sind, der mit seinen Studenten ebenfalls die Tauglichkeit dieser enorm harten, hitze- und temperaturwechselbeständigen Werkstoffe wie Siliciumcarbid in der Welt der Produkte erarbeitet und erforscht. In diesen Materialentwicklungen und in interdisziplinären Kooperationsformen liegt meiner Ansicht nach noch ganz großes Zukunftspotenzial.
Interview: Anna von der Tann
Zur Person
Hubert Kittel (geb. 1953) studierte selbst Industrielle Formgestaltung in Halle und arbeitete als Designer für die Porzellanindustrie. Seit 1994 ist er Professor für Produktgestaltung und leitet die Fachrichtung Keramik- und Glasdesign an der Burg Giebichenstein, Hochschule für Kunst und Design Halle.
Zur Ausstellung
Königstraum und Massenware Porzellanikon Selb und Hohenberg a. d. Eger 24. April bis 02. November
Links
www.koenigstraumundmassenware.org www.porzellanikon.org www.burg-halle.de/kg_design www.designkrefeld.de | |