| Ausgabe: 06/2008 | 01.12.2008
Konvergenz
Der Link zur Welt
Mobil telefonieren und simsen war gestern. Heute wird das Mobiltelefon zum Schlüssel neuer Dienstleistungen. Die konvergenten Media-Angebote können Erleichterungen im Alltag schaffen und bieten Möglichkeiten für Marketing und Kundenbindung.
Dafür, dass es das Mobiltelefon erst seit Anfang der 1980er Jahre gibt, hat es bereits eine rasante Entwicklung hinter sich: Von der kiloschweren Box mit Trageriemen wurde es zur kaum begreiflichen Wundermaschine im Taschenformat. Kommen neue Modelle auf den Markt, wird gerne augenzwinkernd darauf verwiesen, dass man mit diesem Handy ja auch noch telefonieren könne. Das Mobiltelefon steht gleichermaßen für Digitalisierung und Miniaturisierung – Prozesse, in die wir alltäglich einbezogen sind, ohne ihre technischen Hintergründe wirklich zu durchschauen.
Neben äußerlichen gestalterischen Veränderungen der Smartphones, die mit großen Farbdisplays, einem Touchscreen und der miniaturisierten Schreibmaschinentastatur einhergehen, spielt sich die wichtigste Integrationsleistung auf der Softwareebene ab, die aus scheinbar zufällig arrangierten Bestandteilen des Mobiltelefons eine Blackbox macht, die sich je nach Umfeld und Bedarf für unterschiedlichste Anwendungen nutzen lässt.
Vergleicht man das Apple iPhone – ein Gerät, das Soft- und Hardware besonders plausibel miteinander verbindet – mit einigen seiner Konkurrenzprodukte, sind die äußerlichen gestalterischen Unterschiede oft nur noch marginal. Dass „gutes Design möglichst wenig Design“ sei, wie es Dieter Rams schon vor Jahrzehnten forderte – diesen Anspruch löst das iPhone ein. Es fungiert als attraktiver Rahmen, in dem sich alles Erdenkliche abspielen kann. Industriedesign bietet dabei die Klammer für Interface- und Servicedesign.
Rahmen und Inhalt
Neben der Veränderung der Datennetze, etwa in Form der Flatrates, die es erlauben, mit dem Handy permanent online zu sein, trägt die Evolution der Mobiltelefone dazu bei, dass sich vielfältige digitale Dienste etablieren. Als Interface spielt der Multitouchscreen dabei eine immer größere Rolle. Eine logische Entwicklung: Die Verbindung aus Sehen und Bedienen ermöglicht größere Displays für bild- und zeichengesteuerte Anwendungen und lässt eine mechanische Tastatur überflüssig werden. Das flexibel anpassbare Interface eröffnet den Zugang zu einer Vielzahl neuer Anwendungen, die durch die beschränkte Auswahl immer gleicher Tasten nur unzureichend bedient werden könnten. Zwar fehlt die taktile Rückmeldung des Tastendrucks, angenehm ist dagegen die deutlich intuitivere Bedienung.
Neben den bekannten Funkstandards wie GSM, GPS, UMTS, WLAN und Bluetooth bietet der permanente Internetzugang der Smartphones neue technische Möglichkeiten, die zur Verknüpfung von realer Welt und Netzwelt führen. Diese Verlinkung wird – neuerdings in Deutschland, schon seit längerer Zeit in Japan – über Quick-Response-(QR)- Codes hergestellt. Quadratische, schwarz-weiß gepixelte Felder codieren einen Inhalt oder Link, der von der Handykamera eingelesen und von einem kleinen Programm entschlüsselt und weiterverarbeitet wird. Dabei können jeweils weit mehr Informationen codiert und decodiert werden als bei den vergleichsweise simplen Barcodes, die heute in der Warenwirtschaft weltweit verwendet werden.
Pixelcodes
Auf den ersten Blick wirken QR-Codes wegen ihrer scheinbaren Ähnlichkeit verwirrend. Doch die kleinen, rechteckigen Markierungen haben einen großen Vorteil: Sie sind äußerst einfach zu erzeugen und zu verwenden. Sie können praktisch in jedem Verfahren in verschiedensten Größen auf jeden Untergrund aufgebracht werden. Ob auf Papier oder Kunststoff, gedruckt oder gelasert – nur die Qualität der Darstellung muss gut genug sein, um von der Mobilfunkkamera und der Software erfasst und entschlüsselt werden zu können. Außergewöhnlich ist die erstaunlich hohe Speicherkapazität der QR-Codes: Numerisch können maximal 7.089 Zeichen, alphanumerisch maximal 4.296 Zeichen und binär (8 Bit) maximal 2.953 Bytes codiert werden. Und da die Daten im QR-Code redundant vorhanden sind, lässt er sich selbst dann noch decodieren, wenn bis zu 30 Prozent unleserlich sind.
Reisen ohne Papier und Kleingeld
Passende Anwendungen finden sich etwa rund um das Thema Reisen und Mobilität. Nicht nur Billigflieger, auch die Lufthansa bietet eine „Mobile Bordkarte“ an, die auf dem QR-Code basiert und dem Fluggast direkt auf das Handy geschickt wird. Auf dem Handybildschirm dient er der Identifikation am Flughafen; auf einen Ausdruck kann komplett verzichtet werden.
Für den Fahrkartenservice „Touch & Travel“, den die Deutsche Bahn derzeit in einem Feldversuch in Hannover, Berlin und Potsdam erprobt, werden Mobiltelefone mit Near-Field-Communication- (NFC)-Funktion genutzt. Der NFC-Standard (siehe auch design report 3/07, Seite 34) dürfte bald schon zur Standardausstattung von Mobiltelefonen gehören. NFC ermöglicht die Funkkommunikation über eine kurze Distanz von wenigen Zentimetern und ist daher leicht zu Identifikationszwecken oder zur Übertragung kleiner Dateien (wie etwa Visitenkarten oder Tickets) geeignet. Um von A nach B zu gelangen, hält der Fahrgast sein Handy – etwa im Bus oder am Bahnsteig – kurz an einen „Touchpoint“; die zurückgelegte Strecke wird dann über sein Nutzerkonto abgerechnet. Die Namensgebung und die Gestaltung dieser „Touchpoints“ lassen allerdings zu wünschen übrig. In Deutschland spielt bei der Entwicklung neuer Angebote eher das Marketing eine zentrale Rolle. Designer scheinen das Thema noch wenig für sich entdeckt zu haben.
Information – sofort und überall
Eine Hybridlösung von Print- und Onlineangebot bietet die Zeitung „Welt kompakt“, die sich an Leser mit multimedialen Nutzungsgewohnheiten wendet: Zu ausgewählten Themen sind per QR-Code längere Artikel und Videos abrufbar. Die Codes bieten eine ideale Möglichkeit, auf einem realen Objekt einen Link zu einem Onlineinhalt zu setzen. >
Von dieser Möglichkeit macht vor allem das „Mobile Marketing“ Gebrauch: In Japan etwa – wo aufgrund anderer Lebensgewohnheiten und Infrastruktur mobiles Internet schon lange Standard ist – kommt keine gedruckte Anzeige mehr ohne QR-Codes aus. Der Trailer zum neuen Kinofilm oder die Bildershow zum neuen Sportwagen gelangen somit direkt aufs Handy; beliebige Inhalte sind mit einer Plakatwand oder einer Zeitschriftenseite verknüpfbar. McDonald’s stattet in Japan seine Burgerverpackungen mit QR-Codes aus, statt die Informationen über Nährwert und Inhaltsstoffe einfach aufzudrucken. In Deutschland versah im Frühjahr 2008 als Erster der Autohersteller Mini eine Anzeigenkampagne mit entsprechenden Codes, die zu weiteren Informationen führten.
Zürcher Pixel
Die Agentur Transformer aus Zürich beschäftigt sich in ihrem Mobile Lab schon seit zwei Jahren mit den Möglichkeiten des QR-Codes und hat bereits mehrere Projekte erfolgreich realisiert. Mitinhaber Oliver Stäcker nennt den Code den „Beschleuniger fürs mobile Internet“ und ist besonders angetan von dessen interaktiven Möglichkeiten: „Mich fasziniert die Herausforderung, für jedes Produkt oder jede Dienstleistung das richtige Inhaltskonzept zu entwickeln. Zu Beginn jeder Kampagne muss der mobile Nutzen überlegt werden – der QR-Code ist dann nur der Schlüssel dazu.“ Für den „Glarner Sprinter“, einen Freizeitzug der Schweizer Bundesbahnen, ist es ein persönlicher Fahrplan, den sich die Fahrgäste auf ihr Handy laden können, beziehungsweise ein Zugang zum Onlineangebot der Verkehrsgesellschaft. Zum 25-jährigen Bestehen des Zürcher Radio LoRa wurde ein Plakat mit integriertem QR-Code gestaltet, der mit einem kurzen Film der Geburtstagsparty verlinkt war.
Welche gestalterischen Herausforderungen gibt es bei solchen Projekten? „In der jetzigen Phase sollte der Code unbedingt als solcher erkennbar sein. Der Benutzer soll sehen: Hier gibt es mehr. Dadurch steigt die Chance auf mehr Scans“, die aus Sicht des Marketings ebenso begehrt sind wie die Clicks im Netz. Zudem seien einige technische Grundregeln zu beachten, etwa die Mindestgröße von drei Zentimetern (da europäische Handys noch nicht über Makrolinsen verfügen), das Kontrastverhältnis von mindestens 50 Prozent Tonwert zum Untergrund sowie eine freie Zone um den Code herum.
Stäcker ist überzeugt, dass sich die Codes auf die Bild- und Zeichensprache des Grafikdesigns auswirken werden, außerdem seien Veränderungen bei Produktverpackungen zu erwarten. Ob eine Kampagne erfolgreich ist und wie oft der Link über den Code abgerufen wird, lässt sich mit entsprechenden Managementsystemen exakt überprüfen.
Bezahlen per Handy
Analog, Lowtech und teuer ist die Anwendung „Handyporto“, ein Service der Deutschen Post. Der Nutzer sendet eine SMS mit dem Inhalt „Brief“ oder „Karte“ an eine Servicenummer. Daraufhin erhält er drei vierstellige Nummern, die er untereinander von Hand auf den Brief schreibt – dahin, wo früher einmal die Briefmarke klebte. Ein guter Service zu fragwürdigem Preis: Denn pro mobiler Marke werden 40 Cent extra berechnet; hinzu kommt eine SMS-Gebühr.
Aber auch das Parken per Handy ist möglich: Im Internet registrierte Nutzer können über den Anruf einer kostenlosen Telefonnummer in immer mehr deutschen Städten ihren virtuellen Parkschein ziehen. Verschiedene Betreiber bieten unterschiedliche Konditionen. Vorteil: Die Suche nach passendem Kleingeld entfällt.
Das Bezahlen per Handy setzt sich auch in Deutschland langsam durch. Bezahlt wird meist per SMS oder nach vorheriger Registrierung. In Asien, zum Beispiel in Südkorea, geht es einfacher – hier übernimmt das Handy durch sein eingebautes NFC-Modul die Kleingeldfunktion (vergleiche auch design report 03/07, Seite 30). Aufladen und Bezahlen funktionieren wie bei einer Prepaidkarte. Die Funkübertragung ermöglicht schnelle und reibungslose Nutzung.
Alles in der Hand
Ohne Frage entwickelt sich das Handy zur persönlichen Kommandozentrale, die mobile Dienste verwaltet und bereitstellt. Was alle erfolgreichen Anwendungen eint, ist ihre einfache Nutzbarkeit, deren Komplexität nicht wesentlich über der des Telefonierens oder SMS-Schreibens liegen sollte. Für eine erfolgreiche Implementierung sind gemeinsame Standards nötig, Insellösungen sind für den Nutzer wenig komfortabel. Gerade bei mobilen Services werden sie sich nicht behaupten können.
Ob QR-Code, NFC-Funktion oder einfach SMS – die Dienstleistungen für unterwegs werden deutlich zunehmen, und die Möglichkeiten des mobilen Marketings stehen erst am Anfang. Welchen Nutzen Kunden und Anbieter tatsächlich aus den Angeboten ziehen, wird sich zeigen. Auch soziale Netzwerke können QR-Codes nutzen, zugleich liefern sie den Anbietern der Dienste detaillierte Informationen über Kunden und deren Gewohnheiten. Welche Dienste sich zu einer Bereicherung entwickeln, welche sich durchsetzen, hängt nicht zuletzt von der Gestaltung ab, die im Idealfall eine gelungene Symbiose aus Industrie-, Interface- und Servicedesign darstellt.
Nicolas Uphaus
www.handyporto.de
www.transformer.ch
www.touchandtravel.de | |