| Ausgabe: 04/2006 | 12.04.2006
Schwerpunkt
Ressourcen – Recycling –Realitäten
Möbel aus Recyclingmaterial sind eigentlich nichts Neues. Doch die Schweizerin Barbara Caveng trifft nicht nur einen ästhetischen Nerv, sie mischt sich auch in eine Diskussion, die die Gemüter in Deutschland nach wie vor erhitzt: die Auseinandersetzung mit einem Verarmungsprozess innerhalb eines der reichsten Länder der Welt.
Seit Juni 2005 lässt sich die Gästewohnung der Schweizer Künstlerin Barbara Caveng in Berlin-Mitte anmieten. Zwei Zimmer, Küche, Bad, kurze Fußwege zu den touristischen Highlights des Stadtzentrums. Die Einrichtung der Wohnung ist sorgfältig ausgewählt, ästhetisch anspruchsvoll und sieht aus, als würde viel Geld in ihr stecken. Dem Mobiliar sieht man seine Vergangenheit auf Recyclinghöfen, verwahrlostem Brachland und in schmuddeligen Straßenecken nicht an. Trotzdem: Jedes einzelne Möbelstück besteht aus sorgsam gesichtetem und einfallsreich zusammengezimmertem Ausgangsmaterial. Das Schlafsofa S.T.A.R („Sofatechnik aus Recycling“) beispielsweise aus Betonschalplatten, einem Regalbrett, einer Matratze und entsprechendem Bezugsstoff. Die Deckenleuchte P.L.E.I.T.E („Phantastisches Leuchtenelement initiiert transzendentale Erleuchtung“) aus verschiedenen Socken, einer Tischplatte und den Stahlfedern einer Federkernmatratze. Im gesamten Inventar stecken nicht mehr als 200 Euro an Materialkosten; das mit Abstand teuerste Möbelstück kostete gerade 18 Euro. Für Caveng sind Straßen und öffentliche Plätze ein Selbstbedienungsladen für Möbelrohstoffe – egal ob Holz, Glas, Metall oder die notwendigen Einzelteile wie Scharniere, Schrauben oder Winkel. Sie sind materielle Grundlage des Projektes A.R.M. Die Abkürzung steht für „All Recycled Material“. Doch A.R.M steht für weit mehr: A.R.M reflektiert unseren Umgang mit Ressourcen.
Aufwerten, Abwerten Ausgangspunkt des Projektes waren die Demonstrationen gegen die Einführung des Arbeitslosengeldes II und die Reformen rund um Hartz IV – ein Zeitpunkt, an dem die Debatte um Verarmungsprozesse in Deutschland einen ersten öffentlichen Höhepunkt erreichte. Das Spektrum an Leuten, die sich auf die Straße wagten, und vor allem die existenzielle Angst, die ihnen ins Gesicht geschrieben stand, beeindruckten die Künstlerin. „Wir leben in einer Überflussgesellschaft, die in immer schnellerem Kreislauf Werte schaffen muss, um sie gleichzeitig wieder zu vernichten“, gibt Caveng zu bedenken. Ein Blick auf die Recyclinghöfe zeige: „Ein permanentes Zerstören von Ressourcen! Wenn Sie sehen, was dort täglich angeliefert wird! Und ich meine nicht den Hausmüll, sondern das, was die Leute verzweifelt versuchen wieder loszuwerden.“ Der Umgang mit Ressourcen, der Kreislauf von Aufwerten und Entwerten, die Angst vor Arbeitslosigkeit, dem sozialen Abstieg und der Ausgrenzung: Mit A.R.M untersucht Caveng diese Phänomene auf Zusammenhänge, ermittelt sie im Selbstexperiment, im Gespräch und in der Zusammenarbeit mit Betroffenen. Sechs Monate durchkämmt sie den Müll der Straße – Caveng nennt es „Strategien zum Überleben ohne Geld“ –, zerlegt die Fundstücke in ihre einzelnen Rohstoffe, bereitet diese auf und setzt sie erfinderisch zu neuen Objekten der Begierde zusammen: ohne finanzielle Reserven, ohne Förderung, mit Akku-Schrauber und Bohrmaschine und bis an die eigenen Grenzen. „Das Interessante ist: Sie können etwas auf die Straße stellen. Es wird nass, es wird dreckig, es steht da zwei Monate. Aber das Ding geht nicht kaputt! Wir werden das Zeug nicht mehr los! Und eben genau dieses Zeug habe ich mitgenommen.“ Am Ende stehen die Türen einer komplett möblierten Musterwohnung, der späteren Gästewohnung, offen. Das Publikum lässt, dank einer überraschend großen Presseresonanz, nicht auf sich warten.
Resonanzen Die Aufmerksamkeit, die das Projekt auf sich zieht, setzt die Künstlerin in Erstaunen: „Möbel aus Recyclingmaterial: Das ist doch absolut nichts Neues!“, wirft sie selbst ein. A.R.M scheint aber den Nerv der Zeit zu treffen. Und es fühlen sich sogar die Menschen angesprochen, für deren Schicksale sie sich insbesondere interessiert: persönlich Betroffene der Hartz IV-Reformen. Für kurze Zeit wird die Musterwohnung zu einem Ort, an dem es sich ins Gespräch kommen lässt: „Eine Frau sagte mir beispielsweise: Es ist nicht nur, dass die Gesellschaft Müll im materiellen Sinne produziert, sondern dass wir selbst von der Gesellschaft als menschlicher Müll betrachtet werden.“ Es besteht offensichtlich Redebedarf. Ein Fragebogen, den Caveng zum Thema Wohnen entwickelt, um mit Leuten auf der Straße ins Gespräch zu kommen, bestätigt es ebenfalls. Es wird nachgefragt, an den Rand gekritzelt, sich bemüht, genau und ausführlich zu sein. Es gibt wohl kaum ein besseres Sinnbild des Privaten, um sich über Selbstwertgefühle auszutauschen, als die eigene Wohnung: dem Ort der täglichen individuellen Reproduktion. Die A.R.M-Musterwohnung steht für einen geringen materiellen Einsatz und einen enormen Einsatz an menschlichen Ressourcen, an Kreativität und Zeit. „Für mich ist Zeit der größte Luxus“, sagt Caveng. „Sie bedeutet Freiraum im Kopf. Aber für diese Leute ist das anders, weil sie eben nie dieses Gefühl entwickelt haben. Für so eine Lesart wird man in unserer Gesellschaft nicht konditioniert.“ Das Interesse an dem Projekt ist ungebrochen. Immer wieder erhält Caveng Anfragen auch mit dem Wunsch nach einer weiterführenden Zusammenarbeit. Neue Fragen tauchen auf: Lässt sich der Ansatz übertragen? Sollte man mit einzelnen Entwürfen in Serie gehen? Doch die Künstlerin ist an einer Kommerzialisierung derzeit nicht interessiert und stellt klar: „Es gibt natürlich vieles, was man daraus entwickeln könnte. Aber das kann nicht meine Aufgabe sein. Das Projekt ist eine Idee, deswegen ist es auch ein Kunstprojekt.“ www.a-r-m.net
Pauline Klünder | |