| Ausgabe: 04/2006 | 12.04.2006
Schwerpunkt
Das Fenster zur Straße
Um sich ein Standbein abseits ihrer Auftragsarbeiten aufzubauen, haben drei Berliner Designer die Geschäftsidee „Kwikshop“ erfunden: Der Kiosk der besonderen Art bietet außer eigenen Produkten und preiswerten Geschenken ab zwei Euro auch kostenlos Geschichten, eine warme Decke oder einen Ring zum Aufstempeln für Verlobungen vor dem Kioskfenster – der Kwikshop ist reicher an kulturellem denn an finanziellem Kapital.
Die Geschichte begann mit dem Wunsch, eigene Entwürfe direkt umzusetzen und unmittelbar verkaufen zu können. Entstanden ist daraus ein Projekt, das unterernährt starten musste und mittlerweile dennoch wächst und gedeiht. Denn mit minimalen Finanzmitteln und ohne Rücklagen musste das Team – bestehend aus den Produktdesignern Veronika Becker und Oliver Spies sowie der Grafikdesignerin Anette Bruns – von Anfang an kostendeckend arbeiten; eine schwierige Ausgangssituation mit durchaus positiver Auswirkung auf die gestalterischen Entscheidungen.
Laden ohne Tür Auf die Räumlichkeiten hatten Becker, Spies und Bruns schon lange ein Auge geworfen. Das ehemalige Atelier einer Bildhauerin befindet sich im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg an einer der belebtesten Straßen der Gegend, der Kastanienallee. Sie haben Glück, denn die Eigentümerin kommt ihnen sogar mit dem Mietpreis entgegen. Dass der Raum zwar ein schmales Fensterband in Brusthöhe, aber keine Tür zur Straße hat, inspiriert die Designer zur Kioskidee; eine minimale Verkaufssituation mit einfachsten Mitteln. Ein Fenster bleibt offen und dient als Durchreiche, die übrigen – mit einer einfachen Holzkonstruktion dahinter – dienen als Präsentationsfläche. Nach einer viermonatigen Vorbereitungszeit eröffnet der Geschenkekiosk mit acht Produkten, die sich auch online bestellen lassen. So entsteht eine Plattform sowohl für die eigenen Arbeiten als auch für ausgewählte Alltagsprodukte, die die drei als persönliche Designempfehlungen verstehen.
Natürliche Auslese Für die Entwicklung der eigenen Produkte bedeutet die finanzielle Situation, dass praktisch aus dem Nichts ein Angebot mit Marktwert geschaffen werden muss. Die alchimistische Gleichung scheint aufzugehen, denn: 1. kosten eigene Ideen nichts, 2. investiert das Kwikshop-Team viel Zeit, 3. pflegt man gute Kontakte zu Produzenten im Erzgebirge und lässt sich 4. von Freunden und Verwandten helfen. Ein Beispiel: Um mit minimalem Aufwand etwas gegen Fingerabdrücke auf der Wand rund um den Lichtschalter zu tun, haben die drei Designer die „Schaltertapete“ ersonnen – kleine Mustertapetenstückchen, die um den Schalter herumgeklebt werden. „Die Tapeten dafür kaufen wir als Restposten mit Hilfe unserer Tapetenscouts ein, denn sie sollten möglichst bunt und alt sein“, erklärt Becker. Da das Material mit der Hilfe von Freunden geschnitten und verpackt wird, ist der finanzielle Aufwand minimal. Und doch ist das Produkt seinen Verkaufspreis von sechs Euro wert – auch weil mit der humorvollen Produktidee ein Lebensgefühl transportiert wird, das mit der Berliner Wirklichkeit korrespondiert, und weil das farbenfrohe Tapetenstück wie ein Trostpflaster wirkt, das einen Nachteil (Fingerabdrücke) in einen Vorteil (einen Rahmen aus schöner, alter Tapete) verwandelt. Für die Auswahl der zugekauften Produkte sind ebenfalls verwandtschaftliche Beziehungen entscheidend: „Da Annette aus Ostfriesland kommt, lag es auf der Hand, den Friesennerz zu verkaufen. Außerdem ist die Jacke ein Klassiker, den viele schon aus ihrer Kindheit kennen“, erläutert Becker die Sortimentauswahl. Alle Produkte zeichnen sich durch ihren ideellen Mehrwert aus. Sie benötigen weder inszenatorische Aufwertung noch glamouröse Verpackung. Man kann sich für sie entscheiden, ohne vom Fahrrad abzusteigen – ein kurzer Halt genügt.
Alltagsszenen Das Konzept geht offensichtlich auf; bereits nach wenigen Monaten ist der Bekanntheitsgrad von Kwikshop enorm. Es zeichnet sich ab, dass die Verbindung zwischen Designobjekten, Alltagsgegenständen und Kioskverkauf den Nerv des Publikums getroffen hat. Nicht zuletzt liegt das allerdings auch an der steten Präsenz der nimmermüden Designer, die zu jedem Produkt eine Geschichte erzählen können, auch mal Glühwein ausschenken oder mit Veranstaltungen wie dem vorweihnachtlichen Kinderkino von sich reden machen. Das Kioskfenster an der Kastanienallee ist zum beliebten Treffpunkt geworden; Passanten bleiben stehen und gucken zu, ob der Pulli sitzt; neue Kunden erhalten eine persönliche Kwik-Plakette und werden in die Kundenkartei aufgenommen. Es hat schon etwas Dörfliches, wenn sich ein junges Paar mit dem Stempelring vor dem Fenster verloben lässt oder gefundene Schlüsselbunde am Fenster abgegeben werden. Im Hintergrund läuft Musik vom hauseigenen Kwik-Sampler mit 18 Songs lokaler Bands – gesucht und gefunden durch einen Aushang am Kiosk. Wer bleiben will, nimmt sich eine der Kwik-Decken und setzt sich auf die Bank vor dem Fenster. Das Team nutzt den Erfolg und beschließt zu expandieren. Die Präsentationsfläche und das Sortiment sollen erweitert werden. Die Fassade wird geöffnet und verglast. Das Fenster als Ort der Interaktion bleibt bestehen und somit auch der Kioskcharakter. Als Reminiszenz an den ehedem provisorischen Charakter wird das auf 50 Artikel angewachsene Sortiment in einfachen Holzkästen präsentiert. Der Kwikshop gedeiht. Trotzdem lassen sich die finanziellen Nöte, unter denen das Team chronisch leidet, nicht leugnen. Denn jeder Cent aus dem Verkauf wurde bislang in die Weiterentwicklung des Sortiments und in den Umbau investiert. Nach wie vor sind nur Low-Budget-Szenarien möglich, doch davon lassen sich die Initiatoren nicht abschrecken. Momentan arbeiten die drei Designer daran, das Projekt zu diversifizieren und die Zuständigkeiten unter sich neu aufzuteilen. Spies übernimmt den Shop an der Kastanienallee (Kwik-life), Bruns kümmert sich um den Internetverkauf (Kwik-mail) und Becker wird das beliebte Veranstaltungsprogramm an unterschiedlichen Schauplätzen weiter ausbauen (Kwik-mobil). Die Kwik-Story geht also weiter: ein wechselseitiges Spiel aus entwerferischem Denken und praktischer Umsetzung in der Berliner Wirklichkeit. www.kwikshop.de
Renate Menzi | |